/084/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Keiner seiner früheren Kollegen schien unglücklich zu sein. Im Gegenteil - nirgendwo wurde ein großer Bruch sichtbar in der sogenannten Lebensplanung.
Von den Mädchen hatten drei geheiratet. Sie redeten nur von den Kindern, der Familie und ihren Männern. Sie zeigten ihre Hochzeitsalben. Eine war geschieden und hielt Fotos von ihrem ersten Mann vor das Objektiv. Sie würde ihn noch einmal heiraten, behauptete sie. Es war ein Schulkollege, der inzwischen Ministersekretär geworden war. Ihr zweiter Mann saß dabei und lachte verschmitzt. Eine war unverheiratet und erklärte, sie habe nie Kinder haben wollen. Noch als 18jährige war sie allen als blasses, schüchternes, nichtssagendes Mädchen erschienen. Inzwischen war eine selbstbewußte, auffällig gekleidete Frau aus ihr geworden, die davon sprach, daß sie die anderen immer noch mit den alten Vorurteilen messen würden.
Jetzt war Schelsky an der Reihe: er mußte einen alten Projektor aufstellen, um sich mit Robert sein Filmchen ansehen zu können. Nur weil ihm der Vater damals seine Super-8-Kamera geliehen und er damit Aufsehen erregt hatte, daß er damit mehrere Tage lang Schüler und Lehrer aufgenommen hatte, konnte er im Moment auf sich und die anderen in der Vergangenheit blicken.
Ein Gesicht auf einer Bank, das mit einem Auge zu ihm heraufblinselte. Ein hastiger Gang durch den Klassenraum, währenddessen jeder und jede kurz ins Bild kam. Sein Schwarm aus der Unterstufe, diejenige mit dem rosigen Feuermal auf der linken Wange, umrahmt von wilden, schwarzen Locken, aus dem zwei kohlrabenschwarze Augen stachen. Lehrer, die die Kamera bemerkten, ertappt taten und die Zähne bleckten oder sich abrupt abwandten. Die Deutschlehrerin, die - wie üblich - mit übergeschlagenen Beinen auf dem Katheder saß, aus der Froschperspektive.
Zwischendurch sah er sich selbst auf dem Moped seines Vaters vor der Schule eine Runde drehen. Robert hatte damals einen Roller; er führte ihn vor, auf dem Rücksitz eine kichernde Mitschülerin, die sich an seinen Haaren festhielt; hinter ihnen ein kläffendes Hündchen, das der Schulwartin gehörte.
Robert erinnerte Schelsky daran, wie schwierig es gewesen war, seinen Vater zu überreden, ihm das Moped zu überlassen, besonders nach dem Unfall. Er war auf der Straße, die von einem nahen Hügel in einer fast rechtwinkeligen Kurve geradeaus weitergerast und in hohem Bogen in ein frisch umgeackertes Feld gefallen. Ihm war nicht viel passiert, das Moped hatte einiges abgekriegt. Schelsky mußte die Reparatur bezahlen.
Robert sagte, er sei schon ein wilder Hund gewesen, damals, und auch manchmal - nach einem Ball - am frühen Morgen betrunken auf dem Moped nach Hause gefahren. Sein Vater habe sich also mit Recht Sorgen um ihn gemacht.
Schelsky meinte, Robert sollte sich die Filmrolle mitnehmen und irgendwo auf Video kopieren lassen, um die Szenen in das vorhandene Material einbauen zu können.
Von den Mädchen hatten drei geheiratet. Sie redeten nur von den Kindern, der Familie und ihren Männern. Sie zeigten ihre Hochzeitsalben. Eine war geschieden und hielt Fotos von ihrem ersten Mann vor das Objektiv. Sie würde ihn noch einmal heiraten, behauptete sie. Es war ein Schulkollege, der inzwischen Ministersekretär geworden war. Ihr zweiter Mann saß dabei und lachte verschmitzt. Eine war unverheiratet und erklärte, sie habe nie Kinder haben wollen. Noch als 18jährige war sie allen als blasses, schüchternes, nichtssagendes Mädchen erschienen. Inzwischen war eine selbstbewußte, auffällig gekleidete Frau aus ihr geworden, die davon sprach, daß sie die anderen immer noch mit den alten Vorurteilen messen würden.
Jetzt war Schelsky an der Reihe: er mußte einen alten Projektor aufstellen, um sich mit Robert sein Filmchen ansehen zu können. Nur weil ihm der Vater damals seine Super-8-Kamera geliehen und er damit Aufsehen erregt hatte, daß er damit mehrere Tage lang Schüler und Lehrer aufgenommen hatte, konnte er im Moment auf sich und die anderen in der Vergangenheit blicken.
Ein Gesicht auf einer Bank, das mit einem Auge zu ihm heraufblinselte. Ein hastiger Gang durch den Klassenraum, währenddessen jeder und jede kurz ins Bild kam. Sein Schwarm aus der Unterstufe, diejenige mit dem rosigen Feuermal auf der linken Wange, umrahmt von wilden, schwarzen Locken, aus dem zwei kohlrabenschwarze Augen stachen. Lehrer, die die Kamera bemerkten, ertappt taten und die Zähne bleckten oder sich abrupt abwandten. Die Deutschlehrerin, die - wie üblich - mit übergeschlagenen Beinen auf dem Katheder saß, aus der Froschperspektive.
Zwischendurch sah er sich selbst auf dem Moped seines Vaters vor der Schule eine Runde drehen. Robert hatte damals einen Roller; er führte ihn vor, auf dem Rücksitz eine kichernde Mitschülerin, die sich an seinen Haaren festhielt; hinter ihnen ein kläffendes Hündchen, das der Schulwartin gehörte.
Robert erinnerte Schelsky daran, wie schwierig es gewesen war, seinen Vater zu überreden, ihm das Moped zu überlassen, besonders nach dem Unfall. Er war auf der Straße, die von einem nahen Hügel in einer fast rechtwinkeligen Kurve geradeaus weitergerast und in hohem Bogen in ein frisch umgeackertes Feld gefallen. Ihm war nicht viel passiert, das Moped hatte einiges abgekriegt. Schelsky mußte die Reparatur bezahlen.
Robert sagte, er sei schon ein wilder Hund gewesen, damals, und auch manchmal - nach einem Ball - am frühen Morgen betrunken auf dem Moped nach Hause gefahren. Sein Vater habe sich also mit Recht Sorgen um ihn gemacht.
Schelsky meinte, Robert sollte sich die Filmrolle mitnehmen und irgendwo auf Video kopieren lassen, um die Szenen in das vorhandene Material einbauen zu können.
Adam Fliege - 2. Mai, 02:37
