/088/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Noch im Auto erzählte sie ihm, wie peinlich rein der schon sei. Er pisse zwar jedes Mal daneben. Aber danach wische er das ganze Klo mit einem Reinigungsmittel aus. Und - er sei bereits bestens darauf dressiert, die Badewanne gewissenhaft zu säubern.
Schelsky hörte mit einem nicht uninteressierten Ekel, wie sehr es ihr um einen unwiderstehlichen Glanz in ihrer Wohnung ging. Darin war sie Margarete ähnlich. Doch konnte die ihren Putzfimmel immerhin damit begründen, daß sie an den Unterrichtstagen zumindest die Räume der Zeichenschule sofort von dem Schmutz, den die Kinder hinterließen, reinigen mußte. Nur der Freitag war - als Tag der Putzfrau - für sie in dieser Hinsicht tabu.
Bei Frau Katzer durfte in der ganzen Wohnung nirgendwo ein Spritzer oder ein matter Fleck zu sehen sein, nirgendwo ein Stückchen Papier kleben, ein Fettrest, ein Nasenrauber, ein Speichelklumpen, ein Bemmerl aus der Hose, ein Zwirnsfaden, ein Stoffflankerl. Das müsse alles weg, in den Abfallkübel. Darauf habe sie ihren Buben von klein auf gedrillt, denn nur klinische Sauberkeit erlaube ein zufriedenes Leben. Doch jede Erziehung diene letzten Endes nur dazu, deren Endziel, die große Entziehungskatastrophe, so ihr Resümee, die Verselbständigung des Kindes - dessen wahre Geburt, zugleich der Tod seiner Mutter, so Schelsky - so lang als möglich hinauszuzögern.
Obwohl er sie ein wenig belächelte - und ihren Sohn bedauerte -, spielte er doch auch mit dem Gedanken, sie zu Hause aufzusuchen, um die Ergebnisse ihres Drills an Ort und Stelle zu begutachten. Zu ihr sagte er: Ich würd sehr gern einmal Ihre Wohnung bewundern! Da könnten Sie mir die Lehrbücher zeigen, die Sie benützen. Das hilft mir sicher, wenn ich mit Frau Sun üben soll.
Das Söhnchen, in seinem westernartigen Plastiklederkostüm und seinen Westernstiefletten schon ganz der künftige Held, der seine Mutter vor Räubern aller Art beschützen konnte, durfte vorausfahren. In dem Moment, als er sich von ihnen entfernte, tauchte in Schelsky der Verdacht auf, daß ein Kind, das er mit Margarete gemeinsam gehabt hätte, genau solchen Züchtigungen unter dem Vorwand der Erziehung ausgesetzt gewesen wäre. Er war froh, daß das Söhnchen nicht sein Kind war und ihn das Schicksal - bisher jedenfalls - vor einem Zwang zur bekennenden Vaterschaft bewahrt hatte.
Schelsky hörte mit einem nicht uninteressierten Ekel, wie sehr es ihr um einen unwiderstehlichen Glanz in ihrer Wohnung ging. Darin war sie Margarete ähnlich. Doch konnte die ihren Putzfimmel immerhin damit begründen, daß sie an den Unterrichtstagen zumindest die Räume der Zeichenschule sofort von dem Schmutz, den die Kinder hinterließen, reinigen mußte. Nur der Freitag war - als Tag der Putzfrau - für sie in dieser Hinsicht tabu.
Bei Frau Katzer durfte in der ganzen Wohnung nirgendwo ein Spritzer oder ein matter Fleck zu sehen sein, nirgendwo ein Stückchen Papier kleben, ein Fettrest, ein Nasenrauber, ein Speichelklumpen, ein Bemmerl aus der Hose, ein Zwirnsfaden, ein Stoffflankerl. Das müsse alles weg, in den Abfallkübel. Darauf habe sie ihren Buben von klein auf gedrillt, denn nur klinische Sauberkeit erlaube ein zufriedenes Leben. Doch jede Erziehung diene letzten Endes nur dazu, deren Endziel, die große Entziehungskatastrophe, so ihr Resümee, die Verselbständigung des Kindes - dessen wahre Geburt, zugleich der Tod seiner Mutter, so Schelsky - so lang als möglich hinauszuzögern.
Obwohl er sie ein wenig belächelte - und ihren Sohn bedauerte -, spielte er doch auch mit dem Gedanken, sie zu Hause aufzusuchen, um die Ergebnisse ihres Drills an Ort und Stelle zu begutachten. Zu ihr sagte er: Ich würd sehr gern einmal Ihre Wohnung bewundern! Da könnten Sie mir die Lehrbücher zeigen, die Sie benützen. Das hilft mir sicher, wenn ich mit Frau Sun üben soll.
Das Söhnchen, in seinem westernartigen Plastiklederkostüm und seinen Westernstiefletten schon ganz der künftige Held, der seine Mutter vor Räubern aller Art beschützen konnte, durfte vorausfahren. In dem Moment, als er sich von ihnen entfernte, tauchte in Schelsky der Verdacht auf, daß ein Kind, das er mit Margarete gemeinsam gehabt hätte, genau solchen Züchtigungen unter dem Vorwand der Erziehung ausgesetzt gewesen wäre. Er war froh, daß das Söhnchen nicht sein Kind war und ihn das Schicksal - bisher jedenfalls - vor einem Zwang zur bekennenden Vaterschaft bewahrt hatte.
Adam Fliege - 6. Mai, 06:49
