/089/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Dann setzte sich Frau Katzer mit ihm auf einem schnurgeraden Wegstück in Bewegung, das bald vor einer Kläranlage nur mehr ein Abbiegen nach rechts oder links gestattete. Sie wies den wartenden Sohn mit dem Daumen nach links und schilderte ihrem Begleiter ihre Erfahrungen mit den beiden Chinesinnen. Sun Lin nehme den Kurs ernster als Fang Wei, die ja auch um einiges jünger sei und den Eindruck eines eher leichtsinnigen und vergnügungssüchtigen Mädchens auf sie mache.
Als er Frau Katzer über die Schwierigkeiten Sun Lins mit der Sprache und ihrem Unterrichtsstil berichtete - und daß sie sich von ihr oft zugunsten Fang Weis übergangen fühle und davon sogar Kopfschmerzen bekomme -, ergoß sich sofort ein Sermon der Rechtfertigung über ihn. Es tue ihr schrecklich leid, wenn diese ihre Bemühen, mit allen Studenten gleich umzugehen, als Zurückweisung empfinde. Sie habe doch von Anfang an mehr Sympathie für sie empfunden als für die andere Chinesin. Allerdings erscheine sie ihr weiterhin nur verschlossen, widerborstig und schnell beleidigt. Sie selbst verbringe viel Zeit damit, für die Studenten herumzutelefonieren, vor allem wegen ihrer sozialen Probleme. Sie sollte Bank und Realitätenbüro in einem sein. Das sei ein Beweis dafür, daß sie sich genauso wie um Wohl des eigenen Kindes um das Wohl jedes einzelnen Kursteilnehmers kümmere. Das wirke sich manchmal auch so, daß sie vor Mitgefühl und Sorge um deren Erfolg nicht einschlafen könne oder viel zu früh aufwache. Und manchmal weine sie sogar, heimlich auf dem Klo, wenn sich das Verhalten eines Studenten oder einer Studentin unverständlich und die von ihr aufgewandte Mühe völlig vergeudet anmute. Sie würde sie alle so gern verstehen wollen, und sie suche verzweifelt nach Motiven für Anschauungen und Handlungsweisen, das ihr fremd wären, würde sie selbst sich im Ausland befinden und dort ein Studium beginnen wollen.
Plötzlich gestand sie ihm, daß sie mit ihren meisten Arbeitskolleginnen nichts anzufangen wisse. Sie wolle sich keiner Frauenclique anschließen. Dazu sei ihr ihre Zeit zu wertvoll. Doch sie würde oft ausgelacht, wenn sie versuche, über ihre Sorgen und Gefühle mit ihren Kolleginnen zu sprechen. Unter ihnen gebe es einige jüngere Singles, die ihren ganzen Ehrgeiz in die Lehrtätigkeit steckten und sich auch in der Privatzeit weiterbildeten, indem sie auf Fortbildungskurse nach Deutschland führen. Eine schreibe sogar ein Lehrbuch. Was sollte sie dagegen setzen außer ihren guten Willen und ihr offenes Herz?
Als er Frau Katzer über die Schwierigkeiten Sun Lins mit der Sprache und ihrem Unterrichtsstil berichtete - und daß sie sich von ihr oft zugunsten Fang Weis übergangen fühle und davon sogar Kopfschmerzen bekomme -, ergoß sich sofort ein Sermon der Rechtfertigung über ihn. Es tue ihr schrecklich leid, wenn diese ihre Bemühen, mit allen Studenten gleich umzugehen, als Zurückweisung empfinde. Sie habe doch von Anfang an mehr Sympathie für sie empfunden als für die andere Chinesin. Allerdings erscheine sie ihr weiterhin nur verschlossen, widerborstig und schnell beleidigt. Sie selbst verbringe viel Zeit damit, für die Studenten herumzutelefonieren, vor allem wegen ihrer sozialen Probleme. Sie sollte Bank und Realitätenbüro in einem sein. Das sei ein Beweis dafür, daß sie sich genauso wie um Wohl des eigenen Kindes um das Wohl jedes einzelnen Kursteilnehmers kümmere. Das wirke sich manchmal auch so, daß sie vor Mitgefühl und Sorge um deren Erfolg nicht einschlafen könne oder viel zu früh aufwache. Und manchmal weine sie sogar, heimlich auf dem Klo, wenn sich das Verhalten eines Studenten oder einer Studentin unverständlich und die von ihr aufgewandte Mühe völlig vergeudet anmute. Sie würde sie alle so gern verstehen wollen, und sie suche verzweifelt nach Motiven für Anschauungen und Handlungsweisen, das ihr fremd wären, würde sie selbst sich im Ausland befinden und dort ein Studium beginnen wollen.
Plötzlich gestand sie ihm, daß sie mit ihren meisten Arbeitskolleginnen nichts anzufangen wisse. Sie wolle sich keiner Frauenclique anschließen. Dazu sei ihr ihre Zeit zu wertvoll. Doch sie würde oft ausgelacht, wenn sie versuche, über ihre Sorgen und Gefühle mit ihren Kolleginnen zu sprechen. Unter ihnen gebe es einige jüngere Singles, die ihren ganzen Ehrgeiz in die Lehrtätigkeit steckten und sich auch in der Privatzeit weiterbildeten, indem sie auf Fortbildungskurse nach Deutschland führen. Eine schreibe sogar ein Lehrbuch. Was sollte sie dagegen setzen außer ihren guten Willen und ihr offenes Herz?
Adam Fliege - 7. Mai, 06:49
