/090/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Währenddessen marschierten die beiden im Eilzugstempo hinter dem Sohn her, zwischen einem wild wuchernden Stück Donaunatur hindurch, und Frau Katzer fügte mit feuchten Augen hinzu, ihr einziges Ziel sei der Erfolg und das Glück der ihr anvertrauten jungen Leute aus dem Ausland.
Schelsky versuchte, sie zu bremsen, mit Hinweisen auf das schöne, stille Gewässer links und die malerischen Bäume rechts, die sie nicht beachtete, und schließlich auf die Schwierigkeiten, sich die richtigen Artikel zu merken, auch für die Chinesinnen, was Frau Katzer jedoch mit den bekannt guten Lernmethoden und dem bewundernswerten Fleiß der Asiaten abtat.
Darauf wandte sich Schelsky den Eigenheiten der deutschen Sprache zu, etwa den Kasusfallen, der Willkür des Genus, die ja, gemessen am ganzen Wortschatz, für Ausländer einen ungeheuren Lernaufwand in sich berge. Wohingegen es von diesen keineswegs als tröstlich betrachtet werden müsse, daß damit eine große Beweglichkeit der Satzglieder im deutschen Satz einhergehe, da man einen solchen ja ebenso mit einem Objekt oder Adverbial beginnen könne, noch dazu, wenn man Deutsch etwa mit Englisch vergleiche, eine Sprache, die die meisten Studenten, auch die aus China, beherrschten, die den Sprechern so gut wie keinen Kasus und überhaupt kein grammatikalisches Geschlecht abverlange.
- Ich hab das ja auch alles lernen müssen, aber noch in der Unterstufe, zu jedem Substantiv das Geschlecht. Ich kann schon verstehen, daß die Studenten verzweifeln. Man braucht ein Gedächtnis wie ein Terminkalender. Das Mädchen und der Kürbis. Warum hat der Kürbis ein Geschlecht, das Mädchen aber nicht? Sind Mädchen, also zukünftige Frauen geschlechtslos, Buben aber nicht?
Weil Frau Katzer jetzt in Schweigen verfiel, lief Schelsky einfach los, winkte das Söhnchen zu sich und zog es hinter einer Biegung hinter sich her unter Zweigen und Ranken hindurch. Er hörte, wie Tiere flüchteten, blieb hinter einem dicken, dicht mit Lianen behängten Baum stehen und hockte sich ziemlich außer Atem neben das Kind. Doch ehe er es necken und womöglich sogar umwerfen konnte, um so ein Spiel zu beginnen, das ihn an etwas Früheres erinnerte, aber vielleicht als verborgener Wunsch noch in ihm lauerte - sich kopfüber, wie im Fieber, nach hinten fallen zu lassen, sich im Gras, im Laub oder im Frühlingskot zu wälzen, schweinisch zu grinsen, kindisch zu grunzen, aus einer Fabel entsprungen, hinter sich ständig wechselnde Tiermasken -, plärrte Frau Katzer, die sich inzwischen auf dem Feldweg angenähert hatte, mit ängstlicher Stimme in die Stille: Vaclav, Vaclav, wo bist du, bitte versteck dich nicht, du weißt doch, daß deine Mama furchtbare Angst kriegt!
Schelsky versuchte, sie zu bremsen, mit Hinweisen auf das schöne, stille Gewässer links und die malerischen Bäume rechts, die sie nicht beachtete, und schließlich auf die Schwierigkeiten, sich die richtigen Artikel zu merken, auch für die Chinesinnen, was Frau Katzer jedoch mit den bekannt guten Lernmethoden und dem bewundernswerten Fleiß der Asiaten abtat.
Darauf wandte sich Schelsky den Eigenheiten der deutschen Sprache zu, etwa den Kasusfallen, der Willkür des Genus, die ja, gemessen am ganzen Wortschatz, für Ausländer einen ungeheuren Lernaufwand in sich berge. Wohingegen es von diesen keineswegs als tröstlich betrachtet werden müsse, daß damit eine große Beweglichkeit der Satzglieder im deutschen Satz einhergehe, da man einen solchen ja ebenso mit einem Objekt oder Adverbial beginnen könne, noch dazu, wenn man Deutsch etwa mit Englisch vergleiche, eine Sprache, die die meisten Studenten, auch die aus China, beherrschten, die den Sprechern so gut wie keinen Kasus und überhaupt kein grammatikalisches Geschlecht abverlange.
- Ich hab das ja auch alles lernen müssen, aber noch in der Unterstufe, zu jedem Substantiv das Geschlecht. Ich kann schon verstehen, daß die Studenten verzweifeln. Man braucht ein Gedächtnis wie ein Terminkalender. Das Mädchen und der Kürbis. Warum hat der Kürbis ein Geschlecht, das Mädchen aber nicht? Sind Mädchen, also zukünftige Frauen geschlechtslos, Buben aber nicht?
Weil Frau Katzer jetzt in Schweigen verfiel, lief Schelsky einfach los, winkte das Söhnchen zu sich und zog es hinter einer Biegung hinter sich her unter Zweigen und Ranken hindurch. Er hörte, wie Tiere flüchteten, blieb hinter einem dicken, dicht mit Lianen behängten Baum stehen und hockte sich ziemlich außer Atem neben das Kind. Doch ehe er es necken und womöglich sogar umwerfen konnte, um so ein Spiel zu beginnen, das ihn an etwas Früheres erinnerte, aber vielleicht als verborgener Wunsch noch in ihm lauerte - sich kopfüber, wie im Fieber, nach hinten fallen zu lassen, sich im Gras, im Laub oder im Frühlingskot zu wälzen, schweinisch zu grinsen, kindisch zu grunzen, aus einer Fabel entsprungen, hinter sich ständig wechselnde Tiermasken -, plärrte Frau Katzer, die sich inzwischen auf dem Feldweg angenähert hatte, mit ängstlicher Stimme in die Stille: Vaclav, Vaclav, wo bist du, bitte versteck dich nicht, du weißt doch, daß deine Mama furchtbare Angst kriegt!
Adam Fliege - 8. Mai, 07:38
