/099/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Sun Lin blieb verwirrt vor einem Spiegel stehen, hielt sich aber dann doch ein Jacke an, als er sagte, sie könne, wenn sie wolle, hier so viele Kleider, Pullover und Hosenanzüge probieren, wie sie wollte, ohne etwas kaufen zu müssen.
Sie trat darauf sogar in eine Kabine, um in das, was er ihr in die Hand gedrückt hatte, zu schlüpfen. Sie bekam bald rote Wangen vom An- und Ausziehen, Hineinnehmen und Herausreichen. Und auf einmal, in einem kurzen, weißen, etwas asymmetrisch geschnittenen Kleid, platzte sie damit heraus: sie wisse nun das deutsche Wort, das einzige, das passe - gean.
- Ah - er tat überrascht - gern? Wie gern?
- Hab dich gean sehr sehr! Jaha!
- Ja, ich hab dich auch gern!
Dafür überließ ihm Sun Lin wie zum Kuß ihre rechte Hand, und er roch an ihr und fuhr ihr und dem Arm entlang hinauf bis zur linken Wange, die sich, während des flüchtigen Darüber-Hinwegstreichens, kinderglatt und kühl anfühlte.
Haut und Knochen. Haut und Knochen - jedenfalls im Gesicht - waren genug, allenfalls noch ein wenig Muskelfleisch, ein wenig Sehnen und Bänder für die Mimik, fürs Lächeln und Lachen, für das Aufreißen des Mundes, fürs Keuchen. Doch sie blickte nur etwas verschmitzt zu ihm herab, während er sich wieder aufrichtete, vielleicht auch ein wenig traurig, verletzt, demnach vieldeutig unergründlich in dieser Minute, was ihm einen Stich versetzte, eine winzige Wut darüber, wie wenig Genaues ihm der Anblick eines Gesichts, einer Geste, eines Ausdrucks vermitteln konnte. Oder lag es an ihm, weil er die Wahrheit gar nicht wissen wollte?
Kaum saß Schelsky dann allein im Auto, kam ihm der Gedanke, daß er jetzt in der Kettenbrückengasse anrufen mußte. Sonst erschien dort Sun Lin und erzählte Fang Wei, falls sie schon aus Mailand zurück war, von dem Treffen mit ihm und erzeugte dadurch ein Mißverständnis. Es hob aber niemand ab, und es gab auch keinen Anrufbeantworter.
Nach einigen Tagen löste sich das Problem von selbst, weil Fang Wei auf einmal wieder existierte, blendend jung und frisch, ein richtiges Montagswunder. Sie trug die glänzendschwarzen Haare penibel gescheitelt, und nach hinten standen zwei Zöpfchen weg, von gelben Maschen zusammengehalten. Auch der Pulli war gelb. Und die dunkelgraue Hose hatte sie in hohe, schwarze Stiefel gesteckt. Sie trat plötzlich im Korridor des Instituts vor ihn hin, als hätte sie schon auf ihn gewartet.
Sie trat darauf sogar in eine Kabine, um in das, was er ihr in die Hand gedrückt hatte, zu schlüpfen. Sie bekam bald rote Wangen vom An- und Ausziehen, Hineinnehmen und Herausreichen. Und auf einmal, in einem kurzen, weißen, etwas asymmetrisch geschnittenen Kleid, platzte sie damit heraus: sie wisse nun das deutsche Wort, das einzige, das passe - gean.
- Ah - er tat überrascht - gern? Wie gern?
- Hab dich gean sehr sehr! Jaha!
- Ja, ich hab dich auch gern!
Dafür überließ ihm Sun Lin wie zum Kuß ihre rechte Hand, und er roch an ihr und fuhr ihr und dem Arm entlang hinauf bis zur linken Wange, die sich, während des flüchtigen Darüber-Hinwegstreichens, kinderglatt und kühl anfühlte.
Haut und Knochen. Haut und Knochen - jedenfalls im Gesicht - waren genug, allenfalls noch ein wenig Muskelfleisch, ein wenig Sehnen und Bänder für die Mimik, fürs Lächeln und Lachen, für das Aufreißen des Mundes, fürs Keuchen. Doch sie blickte nur etwas verschmitzt zu ihm herab, während er sich wieder aufrichtete, vielleicht auch ein wenig traurig, verletzt, demnach vieldeutig unergründlich in dieser Minute, was ihm einen Stich versetzte, eine winzige Wut darüber, wie wenig Genaues ihm der Anblick eines Gesichts, einer Geste, eines Ausdrucks vermitteln konnte. Oder lag es an ihm, weil er die Wahrheit gar nicht wissen wollte?
Kaum saß Schelsky dann allein im Auto, kam ihm der Gedanke, daß er jetzt in der Kettenbrückengasse anrufen mußte. Sonst erschien dort Sun Lin und erzählte Fang Wei, falls sie schon aus Mailand zurück war, von dem Treffen mit ihm und erzeugte dadurch ein Mißverständnis. Es hob aber niemand ab, und es gab auch keinen Anrufbeantworter.
Nach einigen Tagen löste sich das Problem von selbst, weil Fang Wei auf einmal wieder existierte, blendend jung und frisch, ein richtiges Montagswunder. Sie trug die glänzendschwarzen Haare penibel gescheitelt, und nach hinten standen zwei Zöpfchen weg, von gelben Maschen zusammengehalten. Auch der Pulli war gelb. Und die dunkelgraue Hose hatte sie in hohe, schwarze Stiefel gesteckt. Sie trat plötzlich im Korridor des Instituts vor ihn hin, als hätte sie schon auf ihn gewartet.
Adam Fliege - 17. Mai, 10:07
