/104/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
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Für seine Verspätung hatte er mehrere Ausreden parat: seine Uhr gehe eine Viertelstunde nach; er habe über die Alte, die Neue Donau, die Donau und den Donaukanal fahren müssen; in Opernnähe habe er, wie immer um diese Zeit, keinen Parkplatz gefunden; er wollte aber auch nicht mit der U-Bahn kommen, damit er Fang Wei nachher mit dem Auto nach Hause bringen konnte. Mit der Wahrheit - daß er ein Zeichenschulkind Margaretes, die hysterisch auf ihn fixierte Tochter des Landesbeamten in ihrem Haus in der Nähe Wiens abliefern mußte, weil ihre Mutter verhindert war, sie abzuholen - wollte er nicht herausrücken.
Er umrundete das Café‚ in der Mitte der Opernpassage, ohne auf die Chinesin zu stoßen. Nur zwei Frauen trippelten dort herum, nervös ins Schaufenster der Buchhandlung äugend, wo es nur Bestsellerstapel und Touristenkitsch gab, während gleich daneben, vor dem Männerklosett, einige exaltierte Jugendliche lärmten und die Zeitungsverkäufer bei der Rolltreppe nur den Kurier anzubieten hatten.
Plötzlich stand sie hinter ihm, in einer roten Jacke, wie von der Bühne der Pekinger Oper herabgesprungen: porzellanen, taufrisch, atemlos, schön mondgesichtig, mit rosa geschminkten Lippen, die Nägel ebenso lackiert.
Er hielt ihr gleich einen Zeitungsausriß hin, in dem bereits drei englischsprachige Filme angezeichnet waren, erzählte ihr, aufgrund ihres ratlosen Blicks, auf Englisch die Inhalte, zuerst schön der Reihe nach, ohne viel durcheinanderzubringen, dann einige Motive aus der „Verlobung des Monsieur Hire“ mit „Sex, Lügen und Video“ und Motive aus „Sex, Lügen und Video“ mit „In a Lonely Place“ kombinierend, was sie völlig verwirrte.
Er nahm Fang Wei schließlich, da sie sich auch danach nicht entscheiden konnte, beim Arm und führte sie zu den Bildern im Foyer des Künstlerhauskinos, wo sie, ohne lang zu überlegen, erklärte, sie glaube nicht, daß sie dieser Film interessiere. Vielleicht ängstigte sie sich vor dem Hauptdarsteller, einem schönen, großschädeligen Kahlkopf mit harten, traurigen Augen und einem larmoyanten Zug um den Mund.
Bei feuchtem Wind überquerten beide den Karlsplatz, umrundeten die beleuchtete Karlskirche, die sie darauf betraten, weil Fang Wei das wünschte. Drinnen war niemand zu sehen. Doch irgendwo in einem der Beichtstühle mußte ein Priester sitzen und sich Sündiges, Unehrenhaftes, Unschamhaftes von einem der auf den Knien zitternden Beichtlinge ins Ohr flüstern lassen. Deshalb wandte sich Schelsky mit leiser Stimme an Fang Wei, auf die dunklen, mit braunen Vorhängen verdeckten Beichtstühle deutend.
Für seine Verspätung hatte er mehrere Ausreden parat: seine Uhr gehe eine Viertelstunde nach; er habe über die Alte, die Neue Donau, die Donau und den Donaukanal fahren müssen; in Opernnähe habe er, wie immer um diese Zeit, keinen Parkplatz gefunden; er wollte aber auch nicht mit der U-Bahn kommen, damit er Fang Wei nachher mit dem Auto nach Hause bringen konnte. Mit der Wahrheit - daß er ein Zeichenschulkind Margaretes, die hysterisch auf ihn fixierte Tochter des Landesbeamten in ihrem Haus in der Nähe Wiens abliefern mußte, weil ihre Mutter verhindert war, sie abzuholen - wollte er nicht herausrücken.
Er umrundete das Café‚ in der Mitte der Opernpassage, ohne auf die Chinesin zu stoßen. Nur zwei Frauen trippelten dort herum, nervös ins Schaufenster der Buchhandlung äugend, wo es nur Bestsellerstapel und Touristenkitsch gab, während gleich daneben, vor dem Männerklosett, einige exaltierte Jugendliche lärmten und die Zeitungsverkäufer bei der Rolltreppe nur den Kurier anzubieten hatten.
Plötzlich stand sie hinter ihm, in einer roten Jacke, wie von der Bühne der Pekinger Oper herabgesprungen: porzellanen, taufrisch, atemlos, schön mondgesichtig, mit rosa geschminkten Lippen, die Nägel ebenso lackiert.
Er hielt ihr gleich einen Zeitungsausriß hin, in dem bereits drei englischsprachige Filme angezeichnet waren, erzählte ihr, aufgrund ihres ratlosen Blicks, auf Englisch die Inhalte, zuerst schön der Reihe nach, ohne viel durcheinanderzubringen, dann einige Motive aus der „Verlobung des Monsieur Hire“ mit „Sex, Lügen und Video“ und Motive aus „Sex, Lügen und Video“ mit „In a Lonely Place“ kombinierend, was sie völlig verwirrte.
Er nahm Fang Wei schließlich, da sie sich auch danach nicht entscheiden konnte, beim Arm und führte sie zu den Bildern im Foyer des Künstlerhauskinos, wo sie, ohne lang zu überlegen, erklärte, sie glaube nicht, daß sie dieser Film interessiere. Vielleicht ängstigte sie sich vor dem Hauptdarsteller, einem schönen, großschädeligen Kahlkopf mit harten, traurigen Augen und einem larmoyanten Zug um den Mund.
Bei feuchtem Wind überquerten beide den Karlsplatz, umrundeten die beleuchtete Karlskirche, die sie darauf betraten, weil Fang Wei das wünschte. Drinnen war niemand zu sehen. Doch irgendwo in einem der Beichtstühle mußte ein Priester sitzen und sich Sündiges, Unehrenhaftes, Unschamhaftes von einem der auf den Knien zitternden Beichtlinge ins Ohr flüstern lassen. Deshalb wandte sich Schelsky mit leiser Stimme an Fang Wei, auf die dunklen, mit braunen Vorhängen verdeckten Beichtstühle deutend.
Adam Fliege - 22. Mai, 10:26
