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Mittwoch, 23. Mai 2007

/105/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Er mußte an den Religionszwang Margaretes denken, die - trotz mancher Zweifel - sozusagen sicherheitshalber in unregelmäßigen Abständen Messen besuchte und auch Kontakt mit dem Pfarrer der nächsten Kirche hielt. Sie gab die Hoffnung nicht auf, er würde ihr Kinder in die Zeichenschule schicken. Schelsky vermutete aber auch, die Kirchgänge hingen eher mit ihrer zyklisch auftauchenden Krebsangst zusammen. Eine Untersuchung beim Gynäkologen nützte da nicht viel. Sie wollte keines seiner Gegenargumente mehr hören und drängte so lange, mit ihr in die Messe zu gehen, bis er nachgab. Wenn er besonders böse sein wollte, genügte es, ihr die Hölle auszumalen, für die er als Maß einen besonders schlimmen Tag zwischen ihnen nahm. Diese Hölle machte sie zornig und verzweifelt. Und die Hölle, die er ins Jenseits transponierte, um ihr Angst einzujagen, verschaffte ihr ein Motiv, ihn selbst als einen Teufel zu betrachten, den ihr Gott als Versucher geschickt hatte. In solchen Anfall von Gläubigkeit war er das „fleischgewordene Prinzip des Bösen“. Darüber konnte er nur lachen. Je mehr er lachte, desto mehr erfüllte sich anscheinend ihr Verlangen nach einem bösen Ende. Sie wünschte ihm dann ein solches, um diesem selbst zu entkommen. Zugleich gab sie zu, daß sie sich selbst gern mit Lust und Liebe Katastrophenbilder ausmalte. Am Ende entdeckte sie ihn, ihren Mann, als Leiche im Keller. Er war kalt und doch unversehrt. Vielleicht in einer Kiste, die sich wie ein Kasten öffnen ließ, wenn man den passenden Schlüssel besaß. In den weniger harmlosen Versionen ihrer Vernichtungsphantasien wurde er von einem Auto überfahren, von einem Propeller geköpft oder von einem Raubtier zerfleischt. Das mußte sie ihm, wenn sie in Rage geriet, mit schriller Stimme an den Kopf werfen.

Was die Religion betraf, hatte Schelsky im Gegensatz zu ihr schon in der Mittelschule höchst pragmatische Ansichten gehabt: das war ein Gegenstand, der von Lehrern unterrichtet wurde, die in einem Priestergewand steckten, von Versagern also, weil sie sich auf ewig in den Schoß der Mutter Kirche zurückziehen mußten, aus Angst davor, irgendwann einmal im Schoß einer Frau zu landen.

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