/106/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Als er jetzt die bewundernden Blicke Fang Weis auf die Altäre, Gemälde und Skulpturen sah, erzählte er ihr die Geschichte vom Religionslehrer, den er in der Oberstufe hatte, einen völlig frustrierten, erschöpften Menschen, der niemandem irgendein Lebensleitbild vermitteln konnte, ständig gemeinen Demütigungen und Verfolgungen durch die Schüler ausgeliefert war und nur einziges Mal durch eine überraschende Aktion, die ihm niemand zugetraut hätte, einen positiven Eindruck hinterließ - wie er sich nämlich, zu spät und ziemlich beschwipst in die Klasse taumelnd, mit blutunterlaufenen Augen und Schrammen im Gesicht den Weg durch die Herumstehenden bahnte, schließlich mit seinem Mantel, wie ein Geschenk - oder ein knochenloser Toter - auf seinen Armen, hinter dem Katheder haltmachte und, noch immer unbeachtet, dröhnend nach einem Kleiderhaken rief, den ihm natürlich niemand bringen wollte und konnte. Deshalb holte er sein Taschenmesser aus der Hosentasche, bohrte es mit erstaunlicher Kraft in die Tafel und hängte darauf seinen Mantel auf.
Fang Wei war mit dieser Episode nicht zu beeindrucken, vielleicht weil sie den Zusammenhang gar nicht verstand.
Da Schelsky sich jedoch nicht weiter mit Kirche und Religion beschäftigen wollte, ihm auch weder ihr Deutsch noch sein Englisch noch überhaupt die Stimmung dafür geeignet erschienen, darüber ausführlicher zu sprechen, zog er sie schnell an dem Russendenkmal vorbei zum Stadtkino hin, wo nur ein deutscher Text in der Auslage hing, den er ihr flüchtig übersetzte. Es handelte sich um einen Film aus den 60er Jahren, der Zeit seiner Kindheit und Jugend, während Fang Wei keinerlei Anlaß für nostalgische Gefühle wahrnahm, da die betreffenden Ereignisse fast ein Jahrzehnt vor ihrer Geburt passiert waren.
Obwohl er ihr Desinteresse begreifen konnte, war er etwas verärgert, verschwieg das aber aus Berechnung. Er wollte ja seine Großzügigkeit zur Schau stellen, um sie weich zu kriegen und für sich einzunehmen, was sie mit der Bezeichnung Gentleman belohnte.
Im Defrance schickte er sie allein in den Vorraum des Kinos, mit der Warnung, das sei ein Film, in dem viel geredet werde, mit wenig Aktion, es gehe recht langsam auf einen Höhepunkt zu, bis dahin bedürfe es großer Aufmerksamkeit.
Dann im Kinosaal C links neben der Tür, in einem Gestühl nur für sie beide, fiel es Schelsky nicht schwer, sich in diesen jugendlichen chinesischen Körper einzutasten. Er spielte das, was er schon immer als Kind unter und über der Decke gespielt hatte, nämlich seine Hände wie abgetrennt dem ihn einschließenden Raum zu überantworten. So konnte es keine Niederlage geben, da es ja nicht sein Gedächtnis war, das sich diese Erfahrung merken mußte.
Fang Wei war mit dieser Episode nicht zu beeindrucken, vielleicht weil sie den Zusammenhang gar nicht verstand.
Da Schelsky sich jedoch nicht weiter mit Kirche und Religion beschäftigen wollte, ihm auch weder ihr Deutsch noch sein Englisch noch überhaupt die Stimmung dafür geeignet erschienen, darüber ausführlicher zu sprechen, zog er sie schnell an dem Russendenkmal vorbei zum Stadtkino hin, wo nur ein deutscher Text in der Auslage hing, den er ihr flüchtig übersetzte. Es handelte sich um einen Film aus den 60er Jahren, der Zeit seiner Kindheit und Jugend, während Fang Wei keinerlei Anlaß für nostalgische Gefühle wahrnahm, da die betreffenden Ereignisse fast ein Jahrzehnt vor ihrer Geburt passiert waren.
Obwohl er ihr Desinteresse begreifen konnte, war er etwas verärgert, verschwieg das aber aus Berechnung. Er wollte ja seine Großzügigkeit zur Schau stellen, um sie weich zu kriegen und für sich einzunehmen, was sie mit der Bezeichnung Gentleman belohnte.
Im Defrance schickte er sie allein in den Vorraum des Kinos, mit der Warnung, das sei ein Film, in dem viel geredet werde, mit wenig Aktion, es gehe recht langsam auf einen Höhepunkt zu, bis dahin bedürfe es großer Aufmerksamkeit.
Dann im Kinosaal C links neben der Tür, in einem Gestühl nur für sie beide, fiel es Schelsky nicht schwer, sich in diesen jugendlichen chinesischen Körper einzutasten. Er spielte das, was er schon immer als Kind unter und über der Decke gespielt hatte, nämlich seine Hände wie abgetrennt dem ihn einschließenden Raum zu überantworten. So konnte es keine Niederlage geben, da es ja nicht sein Gedächtnis war, das sich diese Erfahrung merken mußte.
Adam Fliege - 24. Mai, 03:33
