/107/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Fang Wei massierte immer wieder ihr rechtes Knie und flüsterte ihm ins Ohr, es schmerze heute mehr als sonst, sie habe dieses Leiden, seitdem sie in Österreich sei.
Schelsky hatte allerdings an ihr bisher kein Hinken bemerkt. Vielleicht hatte sie ihm verschwiegen, daß sie der Hund, den sein Besitzer in einem Kantoner Park zu seinem Vergnügen auf sie gehetzt hatte, dann doch gebissen hatte. Oder sie hatte einfach nur einen Muskelkater vom Herumwandern auf dem ungewohnten Wiener Pflaster. Vorerst genügte es Schelsky, ihr bei ihrer Selbstberuhigung behilflich zu sein und seine Hand zart dem schmerzenden Knie aufzulegen und alle seine möglichen Heilströme dorthin zu dirigieren. Zwischendurch lachte er, ohne sie anzublicken, und wartete, bis sie zurücklachte, lachte wieder und wartete, bis sie darauf reagierte.
Obwohl die Amerikaner in dem Film sehr schnell und mit Akzent sprachen, gelang es Schelsky ohne Schwierigkeiten, dem Hauptfluß der Rede zu folgen. Doch was er verstand, blieb nur einige Momente haften, weil er, wie immer im Kino, von der unerbittlichen Gewalt der Zeiterfahrung überrollt wurde. Fang Wei, in ihrem fernöstlichen Zeitmantel. Dagegen er, in seinem nahezu zwei Jahrzehnte älteren mitteleuropäischen. Und dazwischen, wie in einem frevlerischen Schöpfungsakt, seine bloße mitteleuropäische Hand auf ihrem verhüllten chinesischen Knie!
Er stieß bald auf ihre wie eingeschlafen daliegenden Hände, ihre Nägel - nicht die einer Sekretärin (oder Masseuse), sondern die einer Müßiggängerin: spitz, gewölbt und glatt lackiert! Mit ihnen verbanden sich die beziehungsreichsten Klischees: ausgefahren von der schönen Bestie, die sie wie Klauen in sein Fleisch grübe. Aber er würde sie ihr einzeln abbrechen und ihr dadurch direkt ans Leben gehen.
Doch alles blieb ungefährlich, auch wenn er mehrmals die Konturen ihrer Finger von den Spitzen her zu den Ansätzen der Schwimmhäute zwischen ihnen nachzeichnete und die Schnelligkeit dieser Bewegung so variierte, daß sie nicht vorhersehrbar war. Und dazwischen sein spielerisches Bemühen, ihr die Nägel abzubiegen, was gleich ein Entziehen der ganzen Hand bewirkten. Daraufhin diese suchend und sofort die eigenen Nägel in die weiche, trockene Handinnenfläche bohrend. Und ab und zu Blicke auf dieses starr noch vorn ausgerichtete, flachkonturige Profil, das wie eine Maske - mit tragischen Schatten - lächelte: Gorgo, Herkulina, Serpentina, Kassandra, Jean d' Arc - so widersprüchlich waren die Verbindungen zum europäischen Heldinnenschatz!
Schelsky hatte allerdings an ihr bisher kein Hinken bemerkt. Vielleicht hatte sie ihm verschwiegen, daß sie der Hund, den sein Besitzer in einem Kantoner Park zu seinem Vergnügen auf sie gehetzt hatte, dann doch gebissen hatte. Oder sie hatte einfach nur einen Muskelkater vom Herumwandern auf dem ungewohnten Wiener Pflaster. Vorerst genügte es Schelsky, ihr bei ihrer Selbstberuhigung behilflich zu sein und seine Hand zart dem schmerzenden Knie aufzulegen und alle seine möglichen Heilströme dorthin zu dirigieren. Zwischendurch lachte er, ohne sie anzublicken, und wartete, bis sie zurücklachte, lachte wieder und wartete, bis sie darauf reagierte.
Obwohl die Amerikaner in dem Film sehr schnell und mit Akzent sprachen, gelang es Schelsky ohne Schwierigkeiten, dem Hauptfluß der Rede zu folgen. Doch was er verstand, blieb nur einige Momente haften, weil er, wie immer im Kino, von der unerbittlichen Gewalt der Zeiterfahrung überrollt wurde. Fang Wei, in ihrem fernöstlichen Zeitmantel. Dagegen er, in seinem nahezu zwei Jahrzehnte älteren mitteleuropäischen. Und dazwischen, wie in einem frevlerischen Schöpfungsakt, seine bloße mitteleuropäische Hand auf ihrem verhüllten chinesischen Knie!
Er stieß bald auf ihre wie eingeschlafen daliegenden Hände, ihre Nägel - nicht die einer Sekretärin (oder Masseuse), sondern die einer Müßiggängerin: spitz, gewölbt und glatt lackiert! Mit ihnen verbanden sich die beziehungsreichsten Klischees: ausgefahren von der schönen Bestie, die sie wie Klauen in sein Fleisch grübe. Aber er würde sie ihr einzeln abbrechen und ihr dadurch direkt ans Leben gehen.
Doch alles blieb ungefährlich, auch wenn er mehrmals die Konturen ihrer Finger von den Spitzen her zu den Ansätzen der Schwimmhäute zwischen ihnen nachzeichnete und die Schnelligkeit dieser Bewegung so variierte, daß sie nicht vorhersehrbar war. Und dazwischen sein spielerisches Bemühen, ihr die Nägel abzubiegen, was gleich ein Entziehen der ganzen Hand bewirkten. Daraufhin diese suchend und sofort die eigenen Nägel in die weiche, trockene Handinnenfläche bohrend. Und ab und zu Blicke auf dieses starr noch vorn ausgerichtete, flachkonturige Profil, das wie eine Maske - mit tragischen Schatten - lächelte: Gorgo, Herkulina, Serpentina, Kassandra, Jean d' Arc - so widersprüchlich waren die Verbindungen zum europäischen Heldinnenschatz!
Adam Fliege - 25. Mai, 08:33
