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Sonntag, 27. Mai 2007

/109/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Schelsky konnte nun nicht verhindern, einige Momente lang eine gewisse Seligkeit zu spüren, die damit nichts zu tun hatte. Er saß vor einer Leinwand, und die verlogenen Video-Obsessionen der Hauptfigur drängten sich ihm auf. Während der Amerikaner seinen Camerarecorder auf die Frau seines ehemaligen Freundes richtete, um sie zu einer jederzeit wieder abzuspielenden Masturbation zu animieren, zu dem ersten Orgasmus, den sie sich selbst verschaffte, wie sie gleich danach verblüfft feststellte, überfiel ihn eine eigentümliche, übermütige Sentimentalität.

Absurdes Leben: dazu mußte extra eine Chinesin herbeigeholt werden, gerade jene Fang Wei, die ihm von Sun Lin, natürlich aus Eifersucht, als höchst leichtfertig beschrieben worden war, als kokett, unreif, ja sogar männergierig. Sich mittels einer Videokamera auf die Suche nach der reinen Liebe zu machen, wäre ihm nie eingefallen. Doch er erkannte, daß es sinnvoll sein konnte, zur beharrlichen Erforschung des Weiblichen auch dieses Mittel zu benutzen, weil es zur Befreiung aus einer zeitweiligen - psychischen - Impotenz dienen konnte, an der natürlich die allererste, noch immer allmächtige Frau schuld war.

Mit einem Mal war ihm klar: nach mehr als 20 Jahren konnte noch immer das Bild einer brennenden Niederlage in ihm auftauchen, eines verpufften Vergehens, einer zerstückelnden Sehnsucht, der weitere zerstückelnde Sehnsüchte entsprossen! Noch immer dieses bleiche, knochige Gesicht mit dem rosigen Feuermal auf der Wange, umrahmt von wilden, schwarzen Locken, aus dem zwei kohlrabenschwarze Augen stachen, geweitet von der Angst vor seinem giftigen Körpersaft. Sie war erst 11 oder 12 gewesen, und er hatte sie in reinstem, unschuldigstem Begehren bedrängt - es war ein unauslöschlicher Anfang gewesen.

Fu dagegen hatte ihm keinerlei schmerzvolle Bilder beschert. Es gefiel ihm, daß sie sich in Macao ein schöne Etage einrichten wollte, wie sie es in einem amerikanischen Film gesehen hatte. Sie fand schließlich etwas Entsprechendes in einem kleinem Haus am Berg oberhalb des resedagrünen Boa-Vista-Hotels: zwei große Zimmer mit einer verglasten Veranda und zwei Dienerquartieren, einer Küche und Nebenräumen. Über dem Meer konnte sie in weiter Ferne die am Horizont verschwimmenden Inseln von Hongkong erblicken. Sie richtete sich europäisch ein: Stahlrohrsessel, Glastisch, Vitrinen fürs Porzellan und ein Sofa mit Stahlrohrbeinen. Als sie nach kurzer Zeit immer unglücklicher wurde, ging sie zu einem portugiesischen Arzt, der ihr riet, ein Mittel zu nehmen, das ihren Hormonspiegel wieder ausglich. Bald erschien ein englischer Polizeiinspektor, der sie davon informierte, daß in Europa jeden Tag der Krieg ausbrechen konnte und die Engländer Macao besetzen würden. Dann wären ihre Sparbücher plötzlich nichts mehr wert. Doch nachdem sie es abgehoben hatte, war das Geld plötzlich weg. Sie kehrte in ihr Dorf zurück. Doch dort wußte man schon vom Diebstahl. Daher fiel es dem Boß der Piratenbande leicht, sie zum Mitmachen bei einem Überfall auf einen großen Dampfer während der Fahrt nach Shanghai zu überreden. Die Japaner wollten eine chinesische Gegenregierung in Nanking zu installieren, deren Mitglieder auf dem Dampfer dorthin gebracht werden sollten. Darauf basierte der Plan des Geheimbunds. Fu und zwei Männer sollten sich in Kanton unter die Passagiere mischen und sich auch nach dem Überfall nicht zu erkennen geben. Sie sollten herausfinden, wer zur Gegenregierung gehörte. Bevor das Unternehmen startete, mußte Fu noch den Bruder des Chefs abwehren, der sie zu seiner Frau machen wollte.

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