/110/ /Daniel Ramirer: China-Kiste
Nach dem Film überraschte Schelsky Fang Wei, indem er mit ihr noch in den Prater fuhr und seinen Wagen irgendwo am Rand parkte. Es war eine Nacht, in der dort nur mehr wenige Leute herumstreunten, darunter eine Gruppe japanischer Touristen, die das Lokal „Eiserner Mann“ als Treffpunkt mit ihren Mitreisenden suchten.
Er hatte sich eine bunte, drängende Menge erwartet. Daher enttäuschte es ihn, daß diese Ansammlung von Häuschen, Hallen und Unterhaltungsmaschinen beinahe ausgestorben wirkte und nur mehr ein Spielkasino und ein Sexkino offen hatten.
Zwischen den Figuren auf dem Platz vor der Großen Schaukel, erstaunlicherweise alle aus Metall, posierte er mit Fang Wei für einen Fotografen, der dann doch nicht auftrat. Er als der Mann mit dem kalten Herzen, der Eisen-, der Froschmann. Und sie als das rote Täubchen, die Herz-Schmerz-Venus, die Pelzstiefelfalle.
Fang Wei kannte weder de Sade noch Sacher-Masoch (dafür aber Go-Te, Shi-Lel und Pu-Shi-Kin), begriff jedoch sofort, worum es ging, als er wissen wollte, ob sie noch mehr Stiefel zu Hause habe: Ja, sagte sie, weiße, gelbe, sehr sehr hoche!
Sie war auch willfährig, als er sie bat, ihre Beine zu heben, damit er die Stiefel, die sie heute trug, berühren konnte, nun schon abseits von der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe des nur mager beleuchteten Riesenrads, in dem Gehege unter der Hochschaubahn, das sie nur betraten, weil Fang Wei vorher ihren Zwiespalt beschrieben hatte. Sie würde gern die hiesige Bahn kennenlernen; doch zugleich erinnerte sie sich an den ekelhaften Brechreiz während der letzten Fahrt mit ihrem Freund im Kantoner Vergnügungspark.
Jetzt sahen sie im Dunkel nur das starre und stumme Gestänge über ihren Köpfen.
Zwar erschien sich Schelsky schwankend zwischen eherner Festigkeit und verwirrtem Sich-Vornüber-in-den-Abgrund-Stürzen-Wollen. Aber er setzte doch den bereits begonnenen Kurs fort. Und so hockte er sich vor Sun Lin hin, um ihre Stiefel zu liebkosen, dazwischen den Kopf einzuklemmen und mit roten Ohren bittend auf- und abzurutschen, und befürchtete zugleich ihr Gelächter über seinen blamablen Knockout. Würde sie lachen, hätte er einen Anlaß, den Zickzack-Weg einer Ja-Nein-Entscheidungsreihe weiterzustolpern: Lacht sie?, ja/nein (Ja: Warum lacht sie? Nein: Warum denn nicht? Usw.). Das würde ihm ein längeres Hin und Her im Auto ersparen, darüber, was denn weiter geschehen sollte - ein Spaziergang auf der Hauptallee, oder ein Gespräch, das, zumindest im Ansatz, ihr Verhältnis klärte, angesichts der Tatsache, daß ja in den nächsten Tagen Fang Weis Freund aus Shanghai ankommen sollte. Sie war womöglich unschlüssig und davon abgelenkt, was es ihm - ihrem von ihr so genannten Zweitlehrer - gestatten würde, ohne Widerstand von neuem hinauf über die steifen, ledernen Waden und darauf über die vielleicht noch immer schmerzenden Knie zu streichen. Er könnte mit seiner Hand auch, ohne sich sonst zu bewegen, um sie nicht zu erschrecken, bis zu den Innenseiten ihrer Schenkel vordringen. Auf einmal wäre ihre Kleidung weggeflogen und sie schlösse die Augen, um sich eine köstliche chinesische Begrüßungsszene auszumalen, was sie von seinem schnellen Vormarsch ablenken könnte.
Er hatte sich eine bunte, drängende Menge erwartet. Daher enttäuschte es ihn, daß diese Ansammlung von Häuschen, Hallen und Unterhaltungsmaschinen beinahe ausgestorben wirkte und nur mehr ein Spielkasino und ein Sexkino offen hatten.
Zwischen den Figuren auf dem Platz vor der Großen Schaukel, erstaunlicherweise alle aus Metall, posierte er mit Fang Wei für einen Fotografen, der dann doch nicht auftrat. Er als der Mann mit dem kalten Herzen, der Eisen-, der Froschmann. Und sie als das rote Täubchen, die Herz-Schmerz-Venus, die Pelzstiefelfalle.
Fang Wei kannte weder de Sade noch Sacher-Masoch (dafür aber Go-Te, Shi-Lel und Pu-Shi-Kin), begriff jedoch sofort, worum es ging, als er wissen wollte, ob sie noch mehr Stiefel zu Hause habe: Ja, sagte sie, weiße, gelbe, sehr sehr hoche!
Sie war auch willfährig, als er sie bat, ihre Beine zu heben, damit er die Stiefel, die sie heute trug, berühren konnte, nun schon abseits von der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe des nur mager beleuchteten Riesenrads, in dem Gehege unter der Hochschaubahn, das sie nur betraten, weil Fang Wei vorher ihren Zwiespalt beschrieben hatte. Sie würde gern die hiesige Bahn kennenlernen; doch zugleich erinnerte sie sich an den ekelhaften Brechreiz während der letzten Fahrt mit ihrem Freund im Kantoner Vergnügungspark.
Jetzt sahen sie im Dunkel nur das starre und stumme Gestänge über ihren Köpfen.
Zwar erschien sich Schelsky schwankend zwischen eherner Festigkeit und verwirrtem Sich-Vornüber-in-den-Abgrund-Stürzen-Wollen. Aber er setzte doch den bereits begonnenen Kurs fort. Und so hockte er sich vor Sun Lin hin, um ihre Stiefel zu liebkosen, dazwischen den Kopf einzuklemmen und mit roten Ohren bittend auf- und abzurutschen, und befürchtete zugleich ihr Gelächter über seinen blamablen Knockout. Würde sie lachen, hätte er einen Anlaß, den Zickzack-Weg einer Ja-Nein-Entscheidungsreihe weiterzustolpern: Lacht sie?, ja/nein (Ja: Warum lacht sie? Nein: Warum denn nicht? Usw.). Das würde ihm ein längeres Hin und Her im Auto ersparen, darüber, was denn weiter geschehen sollte - ein Spaziergang auf der Hauptallee, oder ein Gespräch, das, zumindest im Ansatz, ihr Verhältnis klärte, angesichts der Tatsache, daß ja in den nächsten Tagen Fang Weis Freund aus Shanghai ankommen sollte. Sie war womöglich unschlüssig und davon abgelenkt, was es ihm - ihrem von ihr so genannten Zweitlehrer - gestatten würde, ohne Widerstand von neuem hinauf über die steifen, ledernen Waden und darauf über die vielleicht noch immer schmerzenden Knie zu streichen. Er könnte mit seiner Hand auch, ohne sich sonst zu bewegen, um sie nicht zu erschrecken, bis zu den Innenseiten ihrer Schenkel vordringen. Auf einmal wäre ihre Kleidung weggeflogen und sie schlösse die Augen, um sich eine köstliche chinesische Begrüßungsszene auszumalen, was sie von seinem schnellen Vormarsch ablenken könnte.
Adam Fliege - 28. Mai, 07:42
