Mittwoch, 30. Mai 2007

/112/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Als sie danach durch die Rustenschacherallee fuhren, wollte Fang Wei etwas über die Frauen wissen, die am Straßenrand auf und ab stöckelten. Seltsamerweise fügte sie an seine Antwort sofort das Versprechen, dann, wenn sie besser Deutsch könne, einen Aufsatz über die Prostitution in China, nur für ihn, zu schreiben.
An einer Straßenecke unter Bäumen saß er schließlich mit immer schlimmer werdenden Rückenschmerzen hinter dem Lenkrad, die Welt draußen vor sich wie auf einem Bildschirm, stets mit Blick auf die Autouhr, um die richtige Zeit des Abschieds nicht zu verpassen, weder nervös noch gelassen, eher erstaunt über das Glück, daß nun doch etwas passierte, ohne daß irgendein Plan gefaßt worden war, ohne dezidierte Absichtserklärung oder auch irgendwelche einleitenden Schritte, die nur auf dieses bestimmte Ergebnis hinsteuerten. Natürlich - er könnte sich leicht abkanzeln wegen seines unglaubwürdigen Unschuldsgetues; könnte die Pose des immerwährenden Aufbruchs belächeln oder gar verdammen.

- Hast du ein Hm?, fragte ihn Fang Wei plötzlich und näherte ihr Gesicht erhellend dem seinen.

- Ich hab ein Hm?, fragte er zurück und wunderte sich über ihren festen Griff auf seine Nase.

- Großgroß, sagte sie bewundernd.

- Für europäische Verhältnisse sie sie aber höchstens mittelprächtig, wehrte er ab. Kein echter Pfrnak.
- Was das sei, ein Fi-ri-nak, wollte sie wissen.

- So was wie eine Knolle, ein Erdapfel.

- Oh, sagte sie, Erdapfe, Erdapfe im Gesicht! und führte lächelnd seinen Zeigefinger zu ihrer kalten Nasenspitze.

Sie ließ sich damit auch an den Lippen berühren, aber nicht küssen. Sie klopfte ihm gegen die Brust und begann sein Brustbein so heftig zu reiben, daß es ihn schmerzte, knöpfte ihm das Hemd auf und fragte, warum er viele Hm! auf der Brust habe.

- Haare, belehrte er sie.

Gleich danach berührte sie seinen Oberschenkel: Und das?

- Ein Muskel, sagte er, den brauchst du zum Stehen, zum Gehen und zum Sitzen. Und er begriff auf einmal den Sinn dieses Spiels - Fang Wei wollte lernen, und zwar direkt an ihm, an seinem Körper, und in Windeseile, und erwartete, daß er ihr schnell half, dann würde alles andere egal sein, zumindest in diesem Moment.

Dienstag, 29. Mai 2007

/111/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Ohne auf seine offenkundigen Absichten zu reagieren, sprach Fang Wei nun, beinahe fehlerlos, über ihre Zukunft.

- Hoffe, kann endigen den Deutschkurs noch vor das Sommer. Und im Herbst ich will in der Uni Vorlesungen gehen, in Wirtschaftsuni. Und Überzeugung, überzeugt, ich schließe alles ab, in vier Jahren, ich bin stark, sehr stark, willestark, glaubst du das nicht?

Schelsky bewunderte ihre schnelle Anpassung und die Leichtigkeit ihres Lernens, warf ihr gleichzeitig ihren egoistischen, rassistisch gefärbten Ehrgeiz vor, der sich nicht viel von dem Sun Lins unterschied. Er behauptete, sie wolle die Ägypter, die Türken und vor allem die Nigerianer austricksen. Auch die einzige Russin im Kurs. Das hatte ihm Frau Katzer nebenbei zugesteckt.

Darauf ging Fang Wei nicht ein, sondern tadelte sein ständiges Lachen. Sie verlangte eine Erklärung dafür, die er ihr nicht geben wollte, jedenfalls nicht in der Tragweite, wie sie sich das vielleicht gewünscht hatte.
Die laue Bestätigung seiner Zuneigung stellte sie aber nicht zufrieden. Ernst und erstaunlich heftig hielt sie ihm vor, sie nicht zu verstehen.

- Ich bin realistisch, sagte Schelsky, ich akzeptiere deinen Egoismus. Würde sie nicht egoistisch sein, müßte er glauben, daß sie ihn anlüge.

- Nein, behauptete sie, sie lüge ihn nicht an, wenn sie sage, sie empfinde sehr, sehr schöne Gefühle für ihn. Obwohl es egoistisch von ihm sei, sie so zu bedrängen, und so bewußt in einem Zwiespalt mit den Gefühlen zu ihrem Freund zu stoßen. Wörtlich, auf einmal Englisch: It hurts inside and outside. You hurt me, you tricky darling!

Er mußte wieder lachen und sah sich dabei zugleich mit ihren Augen auf sein faunisch verzerrtes Gesicht, seine anachronistische Mephistopheles-Maske, seinen wie eine abgegriffene Münze an der Stirn glänzenden Schädel. Er beruhigte sie aber mit dem Hinweis, daß sie sich nicht ausgelacht zu fühlen brauche, denn sein Gelächter drücke nur seine Harmonie mit ihr aus. Und - wegen ihr - mit der ganzen Welt.

Trotzdem wich sie vor ihm zurück, als er versuchte, sie auf die Wange zu küssen. Auch Streicheln an den Schläfen, am Hals oder gar im Nacken unter den Haaren war nicht erwünscht. Sie bog sich jedesmal weg, allerdings mit einer nicht zu verleugnenden provokativen Koketterie.

Das nahm ihm den Wind aus den Segeln, noch mehr jedoch die Frage, ob er geschlechtskrank sei: mit verschwommenen Augen verlangte sie eine Antwort.

- Nein, sagte er mit verkrampfter Miene, er habe weder Syphilis noch Tripper noch Gonorrhoe noch Herpes. Und schon gar nicht Aids. Er beschloß, für heute aufzugeben.

Montag, 28. Mai 2007

/110/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Nach dem Film überraschte Schelsky Fang Wei, indem er mit ihr noch in den Prater fuhr und seinen Wagen irgendwo am Rand parkte. Es war eine Nacht, in der dort nur mehr wenige Leute herumstreunten, darunter eine Gruppe japanischer Touristen, die das Lokal „Eiserner Mann“ als Treffpunkt mit ihren Mitreisenden suchten.

Er hatte sich eine bunte, drängende Menge erwartet. Daher enttäuschte es ihn, daß diese Ansammlung von Häuschen, Hallen und Unterhaltungsmaschinen beinahe ausgestorben wirkte und nur mehr ein Spielkasino und ein Sexkino offen hatten.

Zwischen den Figuren auf dem Platz vor der Großen Schaukel, erstaunlicherweise alle aus Metall, posierte er mit Fang Wei für einen Fotografen, der dann doch nicht auftrat. Er als der Mann mit dem kalten Herzen, der Eisen-, der Froschmann. Und sie als das rote Täubchen, die Herz-Schmerz-Venus, die Pelzstiefelfalle.
Fang Wei kannte weder de Sade noch Sacher-Masoch (dafür aber Go-Te, Shi-Lel und Pu-Shi-Kin), begriff jedoch sofort, worum es ging, als er wissen wollte, ob sie noch mehr Stiefel zu Hause habe: Ja, sagte sie, weiße, gelbe, sehr sehr hoche!

Sie war auch willfährig, als er sie bat, ihre Beine zu heben, damit er die Stiefel, die sie heute trug, berühren konnte, nun schon abseits von der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe des nur mager beleuchteten Riesenrads, in dem Gehege unter der Hochschaubahn, das sie nur betraten, weil Fang Wei vorher ihren Zwiespalt beschrieben hatte. Sie würde gern die hiesige Bahn kennenlernen; doch zugleich erinnerte sie sich an den ekelhaften Brechreiz während der letzten Fahrt mit ihrem Freund im Kantoner Vergnügungspark.

Jetzt sahen sie im Dunkel nur das starre und stumme Gestänge über ihren Köpfen.

Zwar erschien sich Schelsky schwankend zwischen eherner Festigkeit und verwirrtem Sich-Vornüber-in-den-Abgrund-Stürzen-Wollen. Aber er setzte doch den bereits begonnenen Kurs fort. Und so hockte er sich vor Sun Lin hin, um ihre Stiefel zu liebkosen, dazwischen den Kopf einzuklemmen und mit roten Ohren bittend auf- und abzurutschen, und befürchtete zugleich ihr Gelächter über seinen blamablen Knockout. Würde sie lachen, hätte er einen Anlaß, den Zickzack-Weg einer Ja-Nein-Entscheidungsreihe weiterzustolpern: Lacht sie?, ja/nein (Ja: Warum lacht sie? Nein: Warum denn nicht? Usw.). Das würde ihm ein längeres Hin und Her im Auto ersparen, darüber, was denn weiter geschehen sollte - ein Spaziergang auf der Hauptallee, oder ein Gespräch, das, zumindest im Ansatz, ihr Verhältnis klärte, angesichts der Tatsache, daß ja in den nächsten Tagen Fang Weis Freund aus Shanghai ankommen sollte. Sie war womöglich unschlüssig und davon abgelenkt, was es ihm - ihrem von ihr so genannten Zweitlehrer - gestatten würde, ohne Widerstand von neuem hinauf über die steifen, ledernen Waden und darauf über die vielleicht noch immer schmerzenden Knie zu streichen. Er könnte mit seiner Hand auch, ohne sich sonst zu bewegen, um sie nicht zu erschrecken, bis zu den Innenseiten ihrer Schenkel vordringen. Auf einmal wäre ihre Kleidung weggeflogen und sie schlösse die Augen, um sich eine köstliche chinesische Begrüßungsszene auszumalen, was sie von seinem schnellen Vormarsch ablenken könnte.

Sonntag, 27. Mai 2007

/109/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Schelsky konnte nun nicht verhindern, einige Momente lang eine gewisse Seligkeit zu spüren, die damit nichts zu tun hatte. Er saß vor einer Leinwand, und die verlogenen Video-Obsessionen der Hauptfigur drängten sich ihm auf. Während der Amerikaner seinen Camerarecorder auf die Frau seines ehemaligen Freundes richtete, um sie zu einer jederzeit wieder abzuspielenden Masturbation zu animieren, zu dem ersten Orgasmus, den sie sich selbst verschaffte, wie sie gleich danach verblüfft feststellte, überfiel ihn eine eigentümliche, übermütige Sentimentalität.

Absurdes Leben: dazu mußte extra eine Chinesin herbeigeholt werden, gerade jene Fang Wei, die ihm von Sun Lin, natürlich aus Eifersucht, als höchst leichtfertig beschrieben worden war, als kokett, unreif, ja sogar männergierig. Sich mittels einer Videokamera auf die Suche nach der reinen Liebe zu machen, wäre ihm nie eingefallen. Doch er erkannte, daß es sinnvoll sein konnte, zur beharrlichen Erforschung des Weiblichen auch dieses Mittel zu benutzen, weil es zur Befreiung aus einer zeitweiligen - psychischen - Impotenz dienen konnte, an der natürlich die allererste, noch immer allmächtige Frau schuld war.

Mit einem Mal war ihm klar: nach mehr als 20 Jahren konnte noch immer das Bild einer brennenden Niederlage in ihm auftauchen, eines verpufften Vergehens, einer zerstückelnden Sehnsucht, der weitere zerstückelnde Sehnsüchte entsprossen! Noch immer dieses bleiche, knochige Gesicht mit dem rosigen Feuermal auf der Wange, umrahmt von wilden, schwarzen Locken, aus dem zwei kohlrabenschwarze Augen stachen, geweitet von der Angst vor seinem giftigen Körpersaft. Sie war erst 11 oder 12 gewesen, und er hatte sie in reinstem, unschuldigstem Begehren bedrängt - es war ein unauslöschlicher Anfang gewesen.

Fu dagegen hatte ihm keinerlei schmerzvolle Bilder beschert. Es gefiel ihm, daß sie sich in Macao ein schöne Etage einrichten wollte, wie sie es in einem amerikanischen Film gesehen hatte. Sie fand schließlich etwas Entsprechendes in einem kleinem Haus am Berg oberhalb des resedagrünen Boa-Vista-Hotels: zwei große Zimmer mit einer verglasten Veranda und zwei Dienerquartieren, einer Küche und Nebenräumen. Über dem Meer konnte sie in weiter Ferne die am Horizont verschwimmenden Inseln von Hongkong erblicken. Sie richtete sich europäisch ein: Stahlrohrsessel, Glastisch, Vitrinen fürs Porzellan und ein Sofa mit Stahlrohrbeinen. Als sie nach kurzer Zeit immer unglücklicher wurde, ging sie zu einem portugiesischen Arzt, der ihr riet, ein Mittel zu nehmen, das ihren Hormonspiegel wieder ausglich. Bald erschien ein englischer Polizeiinspektor, der sie davon informierte, daß in Europa jeden Tag der Krieg ausbrechen konnte und die Engländer Macao besetzen würden. Dann wären ihre Sparbücher plötzlich nichts mehr wert. Doch nachdem sie es abgehoben hatte, war das Geld plötzlich weg. Sie kehrte in ihr Dorf zurück. Doch dort wußte man schon vom Diebstahl. Daher fiel es dem Boß der Piratenbande leicht, sie zum Mitmachen bei einem Überfall auf einen großen Dampfer während der Fahrt nach Shanghai zu überreden. Die Japaner wollten eine chinesische Gegenregierung in Nanking zu installieren, deren Mitglieder auf dem Dampfer dorthin gebracht werden sollten. Darauf basierte der Plan des Geheimbunds. Fu und zwei Männer sollten sich in Kanton unter die Passagiere mischen und sich auch nach dem Überfall nicht zu erkennen geben. Sie sollten herausfinden, wer zur Gegenregierung gehörte. Bevor das Unternehmen startete, mußte Fu noch den Bruder des Chefs abwehren, der sie zu seiner Frau machen wollte.

Samstag, 26. Mai 2007

/108/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Er wählte ihren Mittelfinger und ließ ihn immer wieder zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger hindurchschlüpfen. So forderte er ihre Nässe heraus, die ihm erlaubte, nun nahezu widerstandslos auf- und abzugleiten.

Bis sie die Hand plötzlich umdrehte, sich mit ihren Nägeln über seine Handoberfläche kratzte, ihm deren Rauheit bewußt machend, auch ihre Behaarung an den unteren Fingergliedern.

Er dachte an seine mittleren Knöchel, die ihm manchmal, besonders nach der Möbelrestaurierungsarbeit, schon grau und aufgesprungen erschienen waren, an seine deutlich hervortretenden Adern und das Gefühl, das er dabei hätte, risse sie jetzt durch eine immer heftiger werdende Kratzbewegung die Haut über den Adern weg. Dann strömte sein Blut heraus, unstillbar, von ihr erst sehr spät bemerkt, viel zu spät. Er wäre schon schwach, atemschwach. Mit zugeklappten Augen stürzte er zu Boden, vornüber, schlüge mit der Stirn auf, dort unten, in allernächster Nähe zu den ledernen Stiefeln, die keinerlei Mitleid kennen würden.

Wie war das mit Fu wirklich gewesen? Fand er in diesem Buchwesen den Ersatz für die tabuisierte Mutter, die verzweifelte Mystifikation einer strafenden Göttin, die Lust in der immerwährenden Bestrafung versprach - trotz ihrer fortschreitende Entweiblichung? Sollte es ihn stören, daß ihre Stimme dunkel klang? Oder daß sich ihre Brüste, ohne daß sie diese mit breiten Bändern einzuschnüren brauchte, wie es früher in China Mode war, radikal verkleinert hatten, weil sie weiterhin den Tee vom feinblättrigen Sumpfschierling trank? Er hatte nichts dagegen, daß man sie, wenn sie das Haar hochsteckte und es mit dem breiten Bambushut der Fischer bedeckte, leicht mit einem Mann halten konnte. War das nicht ein zusätzlicher verwirrender Reiz? Das alles machte Fu stolz, aber nicht glücklich. Aber sie hätte sich auf einen Jüngling wie Schelsky gestürzt, hatte er sie nur mit dem kleinen Finger berührt, und ihn mit ihrer neuen Körperkraft besiegt. Oder hätte er schon ohne die geringste Gegenwehr nachgegeben, damit sie ihren Fuß auf seinen Kopf setzen und ihm ins Gesicht spucken konnte?

Freitag, 25. Mai 2007

/107/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Fang Wei massierte immer wieder ihr rechtes Knie und flüsterte ihm ins Ohr, es schmerze heute mehr als sonst, sie habe dieses Leiden, seitdem sie in Österreich sei.

Schelsky hatte allerdings an ihr bisher kein Hinken bemerkt. Vielleicht hatte sie ihm verschwiegen, daß sie der Hund, den sein Besitzer in einem Kantoner Park zu seinem Vergnügen auf sie gehetzt hatte, dann doch gebissen hatte. Oder sie hatte einfach nur einen Muskelkater vom Herumwandern auf dem ungewohnten Wiener Pflaster. Vorerst genügte es Schelsky, ihr bei ihrer Selbstberuhigung behilflich zu sein und seine Hand zart dem schmerzenden Knie aufzulegen und alle seine möglichen Heilströme dorthin zu dirigieren. Zwischendurch lachte er, ohne sie anzublicken, und wartete, bis sie zurücklachte, lachte wieder und wartete, bis sie darauf reagierte.

Obwohl die Amerikaner in dem Film sehr schnell und mit Akzent sprachen, gelang es Schelsky ohne Schwierigkeiten, dem Hauptfluß der Rede zu folgen. Doch was er verstand, blieb nur einige Momente haften, weil er, wie immer im Kino, von der unerbittlichen Gewalt der Zeiterfahrung überrollt wurde. Fang Wei, in ihrem fernöstlichen Zeitmantel. Dagegen er, in seinem nahezu zwei Jahrzehnte älteren mitteleuropäischen. Und dazwischen, wie in einem frevlerischen Schöpfungsakt, seine bloße mitteleuropäische Hand auf ihrem verhüllten chinesischen Knie!

Er stieß bald auf ihre wie eingeschlafen daliegenden Hände, ihre Nägel - nicht die einer Sekretärin (oder Masseuse), sondern die einer Müßiggängerin: spitz, gewölbt und glatt lackiert! Mit ihnen verbanden sich die beziehungsreichsten Klischees: ausgefahren von der schönen Bestie, die sie wie Klauen in sein Fleisch grübe. Aber er würde sie ihr einzeln abbrechen und ihr dadurch direkt ans Leben gehen.

Doch alles blieb ungefährlich, auch wenn er mehrmals die Konturen ihrer Finger von den Spitzen her zu den Ansätzen der Schwimmhäute zwischen ihnen nachzeichnete und die Schnelligkeit dieser Bewegung so variierte, daß sie nicht vorhersehrbar war. Und dazwischen sein spielerisches Bemühen, ihr die Nägel abzubiegen, was gleich ein Entziehen der ganzen Hand bewirkten. Daraufhin diese suchend und sofort die eigenen Nägel in die weiche, trockene Handinnenfläche bohrend. Und ab und zu Blicke auf dieses starr noch vorn ausgerichtete, flachkonturige Profil, das wie eine Maske - mit tragischen Schatten - lächelte: Gorgo, Herkulina, Serpentina, Kassandra, Jean d' Arc - so widersprüchlich waren die Verbindungen zum europäischen Heldinnenschatz!

Donnerstag, 24. Mai 2007

/106/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Als er jetzt die bewundernden Blicke Fang Weis auf die Altäre, Gemälde und Skulpturen sah, erzählte er ihr die Geschichte vom Religionslehrer, den er in der Oberstufe hatte, einen völlig frustrierten, erschöpften Menschen, der niemandem irgendein Lebensleitbild vermitteln konnte, ständig gemeinen Demütigungen und Verfolgungen durch die Schüler ausgeliefert war und nur einziges Mal durch eine überraschende Aktion, die ihm niemand zugetraut hätte, einen positiven Eindruck hinterließ - wie er sich nämlich, zu spät und ziemlich beschwipst in die Klasse taumelnd, mit blutunterlaufenen Augen und Schrammen im Gesicht den Weg durch die Herumstehenden bahnte, schließlich mit seinem Mantel, wie ein Geschenk - oder ein knochenloser Toter - auf seinen Armen, hinter dem Katheder haltmachte und, noch immer unbeachtet, dröhnend nach einem Kleiderhaken rief, den ihm natürlich niemand bringen wollte und konnte. Deshalb holte er sein Taschenmesser aus der Hosentasche, bohrte es mit erstaunlicher Kraft in die Tafel und hängte darauf seinen Mantel auf.

Fang Wei war mit dieser Episode nicht zu beeindrucken, vielleicht weil sie den Zusammenhang gar nicht verstand.

Da Schelsky sich jedoch nicht weiter mit Kirche und Religion beschäftigen wollte, ihm auch weder ihr Deutsch noch sein Englisch noch überhaupt die Stimmung dafür geeignet erschienen, darüber ausführlicher zu sprechen, zog er sie schnell an dem Russendenkmal vorbei zum Stadtkino hin, wo nur ein deutscher Text in der Auslage hing, den er ihr flüchtig übersetzte. Es handelte sich um einen Film aus den 60er Jahren, der Zeit seiner Kindheit und Jugend, während Fang Wei keinerlei Anlaß für nostalgische Gefühle wahrnahm, da die betreffenden Ereignisse fast ein Jahrzehnt vor ihrer Geburt passiert waren.

Obwohl er ihr Desinteresse begreifen konnte, war er etwas verärgert, verschwieg das aber aus Berechnung. Er wollte ja seine Großzügigkeit zur Schau stellen, um sie weich zu kriegen und für sich einzunehmen, was sie mit der Bezeichnung Gentleman belohnte.

Im Defrance schickte er sie allein in den Vorraum des Kinos, mit der Warnung, das sei ein Film, in dem viel geredet werde, mit wenig Aktion, es gehe recht langsam auf einen Höhepunkt zu, bis dahin bedürfe es großer Aufmerksamkeit.

Dann im Kinosaal C links neben der Tür, in einem Gestühl nur für sie beide, fiel es Schelsky nicht schwer, sich in diesen jugendlichen chinesischen Körper einzutasten. Er spielte das, was er schon immer als Kind unter und über der Decke gespielt hatte, nämlich seine Hände wie abgetrennt dem ihn einschließenden Raum zu überantworten. So konnte es keine Niederlage geben, da es ja nicht sein Gedächtnis war, das sich diese Erfahrung merken mußte.

Mittwoch, 23. Mai 2007

/105/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Er mußte an den Religionszwang Margaretes denken, die - trotz mancher Zweifel - sozusagen sicherheitshalber in unregelmäßigen Abständen Messen besuchte und auch Kontakt mit dem Pfarrer der nächsten Kirche hielt. Sie gab die Hoffnung nicht auf, er würde ihr Kinder in die Zeichenschule schicken. Schelsky vermutete aber auch, die Kirchgänge hingen eher mit ihrer zyklisch auftauchenden Krebsangst zusammen. Eine Untersuchung beim Gynäkologen nützte da nicht viel. Sie wollte keines seiner Gegenargumente mehr hören und drängte so lange, mit ihr in die Messe zu gehen, bis er nachgab. Wenn er besonders böse sein wollte, genügte es, ihr die Hölle auszumalen, für die er als Maß einen besonders schlimmen Tag zwischen ihnen nahm. Diese Hölle machte sie zornig und verzweifelt. Und die Hölle, die er ins Jenseits transponierte, um ihr Angst einzujagen, verschaffte ihr ein Motiv, ihn selbst als einen Teufel zu betrachten, den ihr Gott als Versucher geschickt hatte. In solchen Anfall von Gläubigkeit war er das „fleischgewordene Prinzip des Bösen“. Darüber konnte er nur lachen. Je mehr er lachte, desto mehr erfüllte sich anscheinend ihr Verlangen nach einem bösen Ende. Sie wünschte ihm dann ein solches, um diesem selbst zu entkommen. Zugleich gab sie zu, daß sie sich selbst gern mit Lust und Liebe Katastrophenbilder ausmalte. Am Ende entdeckte sie ihn, ihren Mann, als Leiche im Keller. Er war kalt und doch unversehrt. Vielleicht in einer Kiste, die sich wie ein Kasten öffnen ließ, wenn man den passenden Schlüssel besaß. In den weniger harmlosen Versionen ihrer Vernichtungsphantasien wurde er von einem Auto überfahren, von einem Propeller geköpft oder von einem Raubtier zerfleischt. Das mußte sie ihm, wenn sie in Rage geriet, mit schriller Stimme an den Kopf werfen.

Was die Religion betraf, hatte Schelsky im Gegensatz zu ihr schon in der Mittelschule höchst pragmatische Ansichten gehabt: das war ein Gegenstand, der von Lehrern unterrichtet wurde, die in einem Priestergewand steckten, von Versagern also, weil sie sich auf ewig in den Schoß der Mutter Kirche zurückziehen mußten, aus Angst davor, irgendwann einmal im Schoß einer Frau zu landen.

Dienstag, 22. Mai 2007

/104/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

(11)

Für seine Verspätung hatte er mehrere Ausreden parat: seine Uhr gehe eine Viertelstunde nach; er habe über die Alte, die Neue Donau, die Donau und den Donaukanal fahren müssen; in Opernnähe habe er, wie immer um diese Zeit, keinen Parkplatz gefunden; er wollte aber auch nicht mit der U-Bahn kommen, damit er Fang Wei nachher mit dem Auto nach Hause bringen konnte. Mit der Wahrheit - daß er ein Zeichenschulkind Margaretes, die hysterisch auf ihn fixierte Tochter des Landesbeamten in ihrem Haus in der Nähe Wiens abliefern mußte, weil ihre Mutter verhindert war, sie abzuholen - wollte er nicht herausrücken.

Er umrundete das Café‚ in der Mitte der Opernpassage, ohne auf die Chinesin zu stoßen. Nur zwei Frauen trippelten dort herum, nervös ins Schaufenster der Buchhandlung äugend, wo es nur Bestsellerstapel und Touristenkitsch gab, während gleich daneben, vor dem Männerklosett, einige exaltierte Jugendliche lärmten und die Zeitungsverkäufer bei der Rolltreppe nur den Kurier anzubieten hatten.

Plötzlich stand sie hinter ihm, in einer roten Jacke, wie von der Bühne der Pekinger Oper herabgesprungen: porzellanen, taufrisch, atemlos, schön mondgesichtig, mit rosa geschminkten Lippen, die Nägel ebenso lackiert.

Er hielt ihr gleich einen Zeitungsausriß hin, in dem bereits drei englischsprachige Filme angezeichnet waren, erzählte ihr, aufgrund ihres ratlosen Blicks, auf Englisch die Inhalte, zuerst schön der Reihe nach, ohne viel durcheinanderzubringen, dann einige Motive aus der „Verlobung des Monsieur Hire“ mit „Sex, Lügen und Video“ und Motive aus „Sex, Lügen und Video“ mit „In a Lonely Place“ kombinierend, was sie völlig verwirrte.
Er nahm Fang Wei schließlich, da sie sich auch danach nicht entscheiden konnte, beim Arm und führte sie zu den Bildern im Foyer des Künstlerhauskinos, wo sie, ohne lang zu überlegen, erklärte, sie glaube nicht, daß sie dieser Film interessiere. Vielleicht ängstigte sie sich vor dem Hauptdarsteller, einem schönen, großschädeligen Kahlkopf mit harten, traurigen Augen und einem larmoyanten Zug um den Mund.

Bei feuchtem Wind überquerten beide den Karlsplatz, umrundeten die beleuchtete Karlskirche, die sie darauf betraten, weil Fang Wei das wünschte. Drinnen war niemand zu sehen. Doch irgendwo in einem der Beichtstühle mußte ein Priester sitzen und sich Sündiges, Unehrenhaftes, Unschamhaftes von einem der auf den Knien zitternden Beichtlinge ins Ohr flüstern lassen. Deshalb wandte sich Schelsky mit leiser Stimme an Fang Wei, auf die dunklen, mit braunen Vorhängen verdeckten Beichtstühle deutend.

Montag, 21. Mai 2007

/103/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Schelsky meinte, Glimpfs Angebot ehre ihn sehr. Man sollte aber mit offenen Karten spielen. Aus einem Stoff wie diesen ein Buch zu machen, sei eine sensible und auch zeitraubende Sache. Und er habe in seinem Leben schon oft genug ins Blaue hineingearbeitet, ohne einen Vertrag und ohne je ein Honorar zu sehen.

Als er Glimpf fragte, ob er schon ein Konzept verfaßt habe, bot der ihm an, seine Aufzeichnungen bald in eine für ihn lesbare Form zu bringen.

Zum Abschluß erzählte ihm dieser noch die Geschichte einer jungen Chinesin aus seinem Bekanntenkreis an der Universität Peking, die ihren Mann von den politischen Folgen einer Flugblattaktion bewahrt hatte, indem sie alle Verantwortung auf sich nahm. Sie trennte sich auch bald von ihm und zog sich in die Provinz zurück, während er in Peking Karriere machte - daran möge er die völlig verschiedene Mentalität dieser Fernost-Menschen ermessen.

Im Auto las Schelsky, was Fang Wei noch in ihr Notizbuch geschrieben hatte: Ich bin jung, sehr sehr jung. Bin 20 Jahre erst. Deshalb ich will alle wissen von die Welt. Komme aus China, Kanton. Und in Österreich ich möchte studieren, weil in China viele Fachleute, viele intelligente Leute nach Ausland fliegen und arbeiten für Ausland. Jetzt China nicht sehr entwickelt. Später ist es entwickelt, wenn ich und viele Studenten zurück, und wir sind fertig und wissen viel mehr, aber noch nicht genug. Aber ist nie zu spät zu lernen, nie lernen endet, nie

Sonntag, 20. Mai 2007

/102/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Im Lokal kam Glimpf bald ohne Umschweife zur Sache: seit ihm Frau Katzer erzählt habe, Schelsky sei Schriftsteller, habe ihn die Idee verfolgt, mit ihm ein Buch schreiben zu wollen. Er habe den Stoff und Schelsky sicherlich die Fähigkeit, diesen zu verwerten. In Peking, wo er einige Semester verbrachte, habe er bedeutende Personen kennengelernt, so eine Österreicherin, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert war und einen Chinesen geheiratet hatte, den chinesischen Kulturminister, einen früheren Schauspieler usw.

Schelsky hatte bisher nur ein einziges Mal mit jemandem anderen zusammengearbeitet, und das auch nur, weil er von Margarete, die damals noch an seinen schnellen Erfolg glaubte, gedrängt wurde - noch während des Studiums, als er einem Mitarbeiter des Rundfunks begegnet war, der einen historischen Stoff als Grundlage für ein mehrteiliges Hörspiel verwenden wollte. Er ließ sich überreden, weil ihm der Mann, etwa zehn Jahre älter als er, mit seiner Mischung aus Wissenschaftlichkeit, Wirklichkeitssinn und Verrücktheit imponierte. Er traf ihn oft in seiner Wohnung, in der er und seine immer puppenartig geschminkte Frau, die aus der DDR geflüchtet war, Antiquitäten restaurierten, worin er sich ihm verbunden fühlte, und an Händler weiterverkauften.

Davon erzählte er jetzt Glimpf. Er versuchte ihm die Ursachen dafür zu erklären, daß die Hörspiele zwar geschrieben, aber niemals gesendet wurden. Denn der Historiker hatte einen anderen Begriff von Wahrheit: er wollte Figuren, denen Sätze vorhandener Dokumente in die Mund gelegt wurden. Die waren für Schelsky aber nur Fundmaterial, daher einem Hauptthema unterzuordnen. Außerdem sollte der historische Hintergrund deutlich zur Sprache kommen, woran sich die pädagogischen Absichten des Historikers zeigten. Und schließlich die Dramaturgie: er wollte eine Art Bilderbogen, Schelsky eine Verschränkung der Motive, was ein mehrschichtiges Verstehen erlauben würde.

Samstag, 19. Mai 2007

/101/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Plötzlich stand Fang Wei neben Schelsky, und er legte reflexartig seinen Arm um ihre Hüfte und schob sie vor sich her. Sie drehte sich kichernd um und schaute mit tiefschwarzen, funkelnden Augen zu ihm auf, erwartungsvoll, undurchdringlich, ihn vielleicht nur als leicht handhabbaren Sprachvermittler anbetend, während ihm das einen Augenblick lang jeden Halt unter den Füßen wegzog.

Er drängte sie sanft neben den Stuhl im Nachbarraum, auf dem Sun Lin saß, über eine Mappe gebeugt, und verhörte sie über ihr Einkommen in Italien, weil er es abstoßend fand, daß es ihr so leicht fiel, Geld zu verdienen, während Sun Lin ihren Mann jedesmal anbetteln mußte.

Die blickte zu ihnen auf, und Schelsky betrachtete sie dabei. Er überlegte, wie er Fang Wei hier loseisen könnte, während ihm Sun Lin gestand, sie habe heute keinen Groschen mit, da ihr Mann über Nacht wieder einmal durcharbeiten mußte und sie das Taschengeld für diese Woche schon verbraucht hatte.

Fang Wei lachte triumphierend, hielt ihrer Wohngenossin einen Hunderter hin, den diese aber nicht annahm, mit einem unsicheren Blick auf Schelsky.

Doch der äußerte sich dazu nicht. Die Situation war ihm nicht geheuer: beide Chinesinnen in einem Raum, umgeben von ihren Kolleginnen und Kollegen. Fang Wei hatte ihm gleich ein schwarzes Buch überreicht. Er blätterte darin und entdeckte einen Aufsatz über ihren Italienaufenthalt: Mein Fahrt nach Milano. Ihre Schrift war groß und gut leserlich.

Schelsky überlegte schon, wie er sich aus der Affäre ziehen konnte, ehe die nächste Stunde begann, als ihm jemand auf die Schulter klopfte - der heute in einem rostroten Sakko steckende Blonde, der sich mit: Josef Glimpf vorstellte. Sichtlich froh, Schelsky noch erwischt zu haben, sagte er, seinen Unterricht habe jemand anderer übernommen, und lud ihn zu einem Essen in ein vegetarisches Restaurant in der Innenstadt ein. Von da habe er es nicht weit zur Praxis seines Vaters, eines Internisten; bei ihm habe er anschließend zu tun.

Freitag, 18. Mai 2007

/100/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Frau Katzer hatte ihn angerufen und davon informiert, daß ihr Kollege, wie versprochen, Sun Lin übernommen habe. Er habe über sie auch von seiner Schreibtätigkeit gehört und sei sehr interessiert, ihn kennenzulernen. Schelsky hatte das so aufgefaßt, daß dieser am Vormittag auch anzutreffen sein würde. Er war aber nirgendwo, für Frau Katzer eine peinliche Angelegenheit, die sie jedoch übertünchte, indem sie sich beim Hinaufgehen über die ständige, für sie unerträgliche Verfolgung durch einige arabische Studenten beklagte, die eben auf Hellhäutigkeit und Blond flogen, weshalb sie, wie sie behauptete, heute das nonnenhafteste Kleid trug, das sie besaß. Sie wolle, enthüllte sie Schelsky, nun nur mehr hochgeschlossen, in weiten Hosen oder Röcken und Jacken unterrichten. Und auch bei Sommerhitze werde sie versuchen, nichts von ihrer Gestalt durchscheinen zu lassen. Deshalb nehme sie nur straffe Leibchen von ihrem Mann, die ihre Formen neutralisieren sollten. Am liebsten würde sie sich allerdings wie eine Perserin unter einem Rusali oder Manto verstecken.

Schelsky lächelte über soviel Naivität, musterte sie aber dann doch genauer und konnte nicht umhin, sie im Geiste bei der nächsten offenen Klotür hineinzudrängen, um ihr seinen Daumen - oder gleich mehrere Finger - hineinzustecken und sie darauf so lange reiten zu lassen, bis sie zugab, daß sich unter ihrer Züchtigkeit nur eine unerhörte Geilheit verbarg, die sie nur in ihren ihm noch nicht bekannten Träumen auslebte. Gleich danach schalt er sich einen rücksichtslosen Hurenbock, der mit solchen Phantasien nur den Prophezeiungen seiner Frau auf den Leim ging. Andererseits war er sexuell ausgehungert, und das hatte diese verursacht. Er konnte sich nur weiterhin vorwerfen, ein Leben zu ihren Bedingungen zu führen.

Frau Katzer war nicht abgeneigt, ihn ein weiteres Mal privat zu treffen, auch ohne ihren Sohn oder gar Mann, wollte sich aber noch nicht auf Zeit und Ort festlegen.

Donnerstag, 17. Mai 2007

/099/ /Daniel Ramirer: China-Kiste

Sun Lin blieb verwirrt vor einem Spiegel stehen, hielt sich aber dann doch ein Jacke an, als er sagte, sie könne, wenn sie wolle, hier so viele Kleider, Pullover und Hosenanzüge probieren, wie sie wollte, ohne etwas kaufen zu müssen.

Sie trat darauf sogar in eine Kabine, um in das, was er ihr in die Hand gedrückt hatte, zu schlüpfen. Sie bekam bald rote Wangen vom An- und Ausziehen, Hineinnehmen und Herausreichen. Und auf einmal, in einem kurzen, weißen, etwas asymmetrisch geschnittenen Kleid, platzte sie damit heraus: sie wisse nun das deutsche Wort, das einzige, das passe - gean.

- Ah - er tat überrascht - gern? Wie gern?

- Hab dich gean sehr sehr! Jaha!

- Ja, ich hab dich auch gern!

Dafür überließ ihm Sun Lin wie zum Kuß ihre rechte Hand, und er roch an ihr und fuhr ihr und dem Arm entlang hinauf bis zur linken Wange, die sich, während des flüchtigen Darüber-Hinwegstreichens, kinderglatt und kühl anfühlte.

Haut und Knochen. Haut und Knochen - jedenfalls im Gesicht - waren genug, allenfalls noch ein wenig Muskelfleisch, ein wenig Sehnen und Bänder für die Mimik, fürs Lächeln und Lachen, für das Aufreißen des Mundes, fürs Keuchen. Doch sie blickte nur etwas verschmitzt zu ihm herab, während er sich wieder aufrichtete, vielleicht auch ein wenig traurig, verletzt, demnach vieldeutig unergründlich in dieser Minute, was ihm einen Stich versetzte, eine winzige Wut darüber, wie wenig Genaues ihm der Anblick eines Gesichts, einer Geste, eines Ausdrucks vermitteln konnte. Oder lag es an ihm, weil er die Wahrheit gar nicht wissen wollte?

Kaum saß Schelsky dann allein im Auto, kam ihm der Gedanke, daß er jetzt in der Kettenbrückengasse anrufen mußte. Sonst erschien dort Sun Lin und erzählte Fang Wei, falls sie schon aus Mailand zurück war, von dem Treffen mit ihm und erzeugte dadurch ein Mißverständnis. Es hob aber niemand ab, und es gab auch keinen Anrufbeantworter.

Nach einigen Tagen löste sich das Problem von selbst, weil Fang Wei auf einmal wieder existierte, blendend jung und frisch, ein richtiges Montagswunder. Sie trug die glänzendschwarzen Haare penibel gescheitelt, und nach hinten standen zwei Zöpfchen weg, von gelben Maschen zusammengehalten. Auch der Pulli war gelb. Und die dunkelgraue Hose hatte sie in hohe, schwarze Stiefel gesteckt. Sie trat plötzlich im Korridor des Instituts vor ihn hin, als hätte sie schon auf ihn gewartet.

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